Literaturcafé «Kimerioni»: Treffpunkt der Inspiration und Kreativität

Im Herzen der literarischen Szene: Das Literaturcafé «Kimerioni» in Tbilissi

Anfang des 20. Jahrhunderts entstand in Tbilissi das Literaturcafé «Kimerioni», das sich rasch zu einem Treffpunkt für Inspiration und Kreativität entwickelte. Im Jahr 1919 übernahm der Schriftstellerverband von der Stadtverwaltung das Restaurant Anona im Gebäude der Künstlerischen Gesellschaft, dem heutigen Rustaweli‑Theater. Dort richtete man ein neues Künstlercafé ein, das nach intensiven Diskussionen den Namen «Kimerioni» erhielt. Dieser poetische Name geht auf ein Gedicht von Walerian Gaprindaschwili, einem Mitglied der «Blauen Trinkhörner», zurück.

Wahrscheinlich gibt es im ganzen Land kein Café, das so viel Inspiration und Kreativität birgt wie «Kimerioni», die Wände des Cafés waren komplett bemalt.

Tizian Tabidse, Dichter und Mitglied von «Blauen Trikhörnern»

Am 27. Dezember 1919 fand im Kimerioni der erste Abend georgischer Schriftsteller statt – in einer warmen, freundschaftlichen Atmosphäre. Dies machte das neue Literaturcafé sofort zu einem Ort inspirierender Begegnungen. Bereits am 28. Dezember wurde das Café offiziell eröffnet. Von Beginn an entwickelte sich Kimerioni zu einem lebendigen Zentrum der georgischen Moderne: Hier hat man literarische Abende veranstaltet; Schriftsteller und Dichter präsentierten ihre neuesten Werke. Auf der kleinen Bühne traten bekannte georgische und internationale Sänger und Tänzer jener Zeit auf.

In Tbilissi gab es wirklich viele schöne Treffpunkte, die man Cafés nannte. Das Interessanteste von ihnen war «Kimerioni». Dieses Café befand sich im unteren Foyer des Rustaweli-Theaters. Es wurde auf Initiative der Gruppe «Blaue Trinkhörner» eröffnet. … Dieses Café war im großen und ganzen sehr schön und malerisch. Zwischen den Fontänen liefen Rehe frei herum. Manchmal griffen sie nach Kräutern, die auf den Tischen lagen.

Aus Erinnerungen des bekannten Malers Lado Gudiaschwili

[Bildnachweis: Zeichnung von Lado Gudiaschwili ® 100 Jahre Unabhängigkeit Georgiens]

Café «Kimerioni», Zeichnung von Lado Gudiaschwili

Schließung des Cafés: Die tragische Geschichte der Wandmalereien von «Kimerioni»

Im Jahr 1922 wurde das «Kimerioni» aufgrund angeblicher «Betriebsausfälle» geschlossen. In den folgenden Jahren fielen die einzigartigen Wandmalereien den sowjetischen Repressionen der 1930er‑Jahre zum Opfer. Die kunstvollen Bilder, geschaffen von führenden Künstlern der georgischen Moderne, wurden einfach überstrichen. Damit gingen einige der schönsten Werke dieser avantgardistischen Epoche unwiederbringlich verloren.

Rolle und Bedeutung von Café «Kimerioni»

Glücklicherweise gelang es in den 1980er‑Jahren, die einst überstrichenen Fresken des Kimerioni zumindest teilweise wiederherzustellen. Damit kehrte ein Stück jener künstlerischen Atmosphäre zurück, die das Café mit seiner Dichtung, Malerei, Kunst und Kultur zu einem prägenden Ort der georgischen Moderne gemacht hatte.

Zum 100. Jahrestag der Gründung von Kimerioni fand 2019 im Foyer des Rustaweli‑Theaters eine symbolische Präsentation des Albums „Szenografie des Rustaweli‑Theaters 1950–2000“ statt. Dabei erinnerte man an die Schriftsteller, Künstler und Dichter, die diesen einzigartigen kulturellen Raum geschaffen und geprägt hatten – eine Hommage an jene kreative Generation, zu der auch die Blauen Trinkhörner gehörten.

Diese Veranstaltungen und Abende haben eine sehr große Rolle gespielt. Sie haben dazu beigetragen, dass sich die damalige Kunstszene entwickeln und ihre nationalen Positionen sichern konnte. Man kann sagen, dass es der einzige Ort war, an dem sich Künstler und Dichter versammelten. Ich sehne mich sehr oft nach der Stimmung und Inspiration, die es im Café «Kimerioni» gab.

Lado Gudiaschwili

Insgesamt war das Literaturcafé «Kimerioni» zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Treffpunkt für die kreative Szene in Tbilissi. Es bot seinen Gästen eine inspirierende Umgebung, eine offene und tolerante Atmosphäre sowie die Möglichkeit, ihre Ideen frei auszudrücken und weiterzuentwickeln. Bis heute gilt Kimerioni als ein wichtiger Ort der georgischen Kulturgeschichte und erinnert daran, wie entscheidend es ist, Räume für Kreativität, Austausch und künstlerische Freiheit zu schaffen und zu bewahren.